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März 23, 2009
Abnehmen ist neben Prominenz und Adel das wohl am häufigsten thematisierte Gebiet in Frauenzeitschriften. Die tollsten Methoden gibt es da und viele tolle Erfolgsgeschichten. Haben Sie auch schon bemerkt, dass Vorher-Nachher Fotos fast immer verwackelt sind?
Trotzdem ist das die Rubrik die ich als aller erstes lese und mir immer denke: Ja so mach ich das auch, das ist einfach. Aber guter Vorsatz und Tat sind nun mal zwei verschiedene Dinge. Zunächst ist die Frage warum will man überhaupt abnehmen? Für sich selbst? Für die Gesundheit? Oder für die anderen? Bei mir ist es eine Mischung aus allem. Man will sich ja schon im Spiegel gefallen aber am wichtigsten ist mir das mein Partner mich mag. Wenn der sagen würde bleib wie du bist, dann würde ich das wohl tun. Aber wie das Leben so spielt stehen die meisten Menschen nun mal auf die Kombination Spargel mit Melonen und einem saftigen Hinterschinken. Das ist lang her bei mir. Bevor ich schwanger wurde, ja da war alles noch perfekt. Flacher Bauch, straffe Brüste und ein netter Hintern. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Geht es nach meiner Oma erliege ich in spätestens zwei Jahren mit einer Kombination aus Schlaganfall und Herzinfarkt meiner Fettsucht. Meine Oma versucht mich immer zu motivieren indem sie mir sagt wie häßlich, fett und faul ich bin und das sie mit mir nicht auf die Straße geht. Sie findet wenn jemand uns zusammen sieht wäre das eine schreckliche Blamage. Um meinen Lesern mal ein Bild zu verschaffen. Ich bin dick, ja ziemlich dick, Konfektionsgröße 48, damit es auch passt. Meine Oma ist dünn, richtig dünn, kauft in der Kinderabteilung und wiegt bei einer Größe von 1,60 grade einmal 42 Kilo. Sie hält sich selbst für zu dick. Für was sie mich hält ist ja oben zu lesen. Meiner Oma ist es prinzipiell wichtiger was andere von ihr denken, was sie selbst denkt und fühlt gehört erst an zweite Stelle. Ich werde meine Oma sicher noch häufiger zitieren, aber an dieser Stelle wissen Sie zunächst einmal alles relevante. Vielleicht kennen viele von Ihnen den Moment wenn Sie sich sagen: Jetzt nehme ich ab. Mir kommen diese Eingebungen fast immer im Kaufhaus, wenn ich vorm Spiegel steh und das unbarmherzige Licht jede Pore und jedes Gramm genaustens beleuchtet. Ich kann mittlerweile zwischen meinen Speckrollen meine Visakarte verstecken und niemand würde sie finden. Meist finde ich aber immer auch einen guten Grund warum ich nicht sofort mit der Diät anfangen kann, sei es weil Mutter Hackbraten macht oder weil die Sahnetorte noch gegessen werden muss. Man kann Mutter ja nicht enttäuschen und Essen lässt man auch nicht verderben. In 80 % aller Fälle bleibt es beim guten Vorsatz des abnehmens, die anderen 20 % sind hoffnungsvolle Versuche die irgendwann an der grenzenlosen Gier scheitern. Interessant finde ich die Zwiegespräche die mein Magen und mein Hirn gern einmal miteinander führen. Hier ein kleiner Einblick: Magen: ” Ich habe Hunger, ich will was essen”. Hirn: ” Das geht nicht, auf Diät”. Magen: ” Ach Diät, Diät, für was denn? Braucht man Modelmaße zum glücklich sein? Hirn: ” Nein nicht wirklich aber man sollte sich wohlfühlen”: Magen: ” Schönheit kommt von innen, also von mir und wenn ich nicht gesättigt bin, gebe ich keine Schönheit ab”. Hirn: Wirklich? Magen: Ja natürlich, außerdem, die ganzen neuen Klamotten die man als schlanker Mensch braucht, das viele Geld. Hirn: “Das ist ein Argument”. Magen: “Bekomme ich was?” Hirn: ” Okay, aber nur einmal” …. Und spätestens dann wird der Schokopudding ausgepackt, so ist es doch immer. Ganz selten gibt es ja auch so knallhart durchgezogene Diätversuche. Da mach ich wirklich ernst, kauf keine Süßigkeiten mehr ein und mach mir einen Essensplan. Nehmen wir mal meine Joghurtdiät, tagsüber gab es 500 Gramm Joghurt, abends ein normales, warmes Menü. Ich musste mich kräftig motivieren, will heißen Playboy anschauen und die tollen Figuren bewundern und immer wieder parallel einen Blick in den Spiegel werfen. Am Anfang rast die Waage nach unten, nach zwei Tagen zwei Kilo verloren, die Motivation ist grenzenlos und man sieht sich dem Ziel ganz nah. Das ich nur noch krächzen kann wie ein Rabe weil ich für jedes verzichtete Stück Schokolade zwei Zigaretten zur Ersatzbefriedigung rauche stellen wir mal neben an. Kochsendungen hab ich mir auch verboten, ich will verhindern das ich mit der Zunge am Fernseher hängenbleibe. Wenn die Waage nach fünf Tagen drei Kilo weniger anzeigt habe ich mir erst mal ein Stück Kuchen verdient oder? Frei nach dem Motto einmal ist keinmal wird geschlemmt und genascht was das Zeug hält. Der Blick auf die Waage am nächsten morgen zeigt mir: Hurra es hat nicht angesetzt. Ja das denke ich dann wieder jeden Tag und schneller als ich mich versehe hab ich die drei Kilo wieder drauf, plus zwei Bonuskilos, weil es so viel Spaß macht.
Als dicker Mensch hat man aber nicht nur das körperliche Unwohlsein, man erlebt auch jede Menge. Eine einfache Fahrt in die Stadt wird für einen dicken Menschen schnell zum Erlebnis mit Hindernissen. Da sitzt man gemütlich auf dem Zweiersitz am Fenster, die rechte Pobacke ragt ein wenig über die Sitzbegrenzung hinaus auf den anderen Sitz mit dem Ergebnis das dort erst mal keiner sitzt. Wird der Bus aber voll, kommen diese hageren, fast krank wirkenden Gestalten und setzen sich ängstlich ganz außen auf die Kante als fürchten sie in der nächsten Kurve zwischen meinen Speckrollen zu ersticken. Bloß nicht zu nah an das dicke Lebewesen ranrücken und auch ja die Augenbrauen ganz hoch ziehen und Abneigung demonstrieren. Wissen Sie was sie jetzt machen müssen? Einen Pups. Einen lauten, stinkenden Pups, um Ihrerseits die Abneigung zu demonstrieren. Ich gebe ja zu das ich mich das noch nicht getraut habe, aber in Gedanken sprechen solche Menschen nur mit meinem Allerwertesten. Aber auch die Blicke mancher Mitmenschen machen mir regelmäßig zu schaffen. Nehmen wir die Omas mit dem Vorwurf in den Augen: Zu meiner Zeit hätte es sowas noch nicht gegeben. Schlimmer noch die Kinder die ihre Brezel angstvoll hinter dem Rücken verstecken aus Angst das die dicke Tante sonst mal kräftig abbeißt. Irgendwann ist man dann am Ziel, in der City und schon beginnt das Theater. Was isst man zuerst? Die Fritten vom Laden an der Ecke? Oder doch das Stück Pizza vom leckeren Italiener? He also so eine Busfahrt ist echt anstrengend und wenn man eh grade in der Stadt ist muss man die Wirtschaft ein bißchen ankurbeln oder? Wenn man aber Klamotten kaufen möchte, sollte man erst nach dem Kauf essen, da der schreckliche Umkleidenspiegel wieder jedes Gramm deutlich markiert. Im Laden natürlich die nächste Peinlichkeit. Während ich gemütlich zwischen XL und XXL rumstöbere, machen sich zwei Tussis vom Typ Spargel in Stiefel über genau die Klamotten lustig, die für Dicke gemacht sind. Misses Wasserstoffblond und Wasserkopfblöd hebt mit spitzen Fingerchen ein blaues XXXXL Shirt hoch und kräht: ” Damit geh ich am nächsten Fasching als Müllsack”. Hyänenartiges gekicher mit Blick in mein knallrotes Gesicht. Dumme Weiber, nur gedacht nicht gesagt. Ich schleiche mich frustriert von dannen, erst mal eine rauchen und dann weiter sehen. Klar, natürlich hat direkt gegenüber eine neue Mac Donalds Filiale aufgemacht und der Duft von plattgedrückter Kuh zwischen zwei pappartigen Weißbrotscheiben lockt. Naja man könnte ja, wenn man endlich etwas neues zum anziehen gefunden hat einen kleinen Besuch im neuen Maces machen. Schließlich muss ich mich ja kulturell bilden und mir den Laden von innen ansehen. Dann mal schnell in den nächsten Laden. Dreiviertel von dem was als ” Big-Lady” Kleidung bezeichnet wird ist wirklich reinster Hohn. Die Schnitte erinnern eher an moderne Zelte und die Farben stechen so stark ins Auge das man auffälliger ist als wenn man nackt wäre. Aber ganz hinten in der Ecke, ja da hängt was nach meinem Geschmack. Ein langer, schwarzer Rock und ein tief ausgeschnittenes Oberteil. Das wäre genau mein Fall, denn wenn ich nichts habe, aber obenrum da stimmt es dann doch. Da die Sachen in der Abteilung für körperlich füllige Damen hängt schnapp ich mir die Sachen doch glatt und geh in die Kabine. Da steht man dann, als dicker Mensch und hofft schrecklich das die Kleiderindustrie in der Lage ist zu zaubern, zieht die Klamotten an und wagt den hoffnungsvollen Blick in den Spiegel. Denken Sie wirklich das es gut aussieht? Haben sie schon einmal einer Weisswurst ein Röckchen angezogen? Fanden sie die Weißwurst schön? Sehen Sie, genau so ging es mir auch. Was auf der Stange so toll aussieht, an mir sieht es aus wie ein überdimensionaler Sack. Wieder einmal sah ich in den Spiegel und mir kamen die Tränen. Was da zu sehen war erschrak mich wieder und wieder. Mein Hintern sieht aus wie eine vergrößerte Aufnahme vom Mond, meine Beine wie Baumstümpfe ohne jegliche Form und mein Bauch erinnert an die Schwangerschaft eines Elefanten. Ja ich neige zur Übertreibung was meine Selbsteinschätzung betrifft.
Wissen Sie eigentlich wie viele Frauen gerade in einer Umkleidekabine den Entschluss fassen abzunehmen? Sehr viele und ich war eine davon. Nach dem mein Traumoutfit aussah wie Wurst-in-Pelle, war klar: Der Speck muss weg. Aber nicht gleich, denn die neue Mac Donalds Filiale wartete noch auf meinen Besuch. Naja, wie sollte ich mir verzeihen wenn der Betrieb mangels Kundschaft pleite geht. Die Klamotten nahm ich aber trotzdem mit, zum anspornen. Während ich dann zwischen zwei Burgern und meiner großen Cola im Mac Donalds saß, dachte ich über die perfekte Diät nach. Während mir die Burgersoße übers Kinn tropft sehe ich mich schon im schwarzen Mini an der Stange vor einer Horde Zuschauer, die perfekte Figur, ellenlange Beine. Hach was ist das Träumen so schön.
Zuhause angekommen muss ich ja trotzdem die Klamotten noch mal anprobieren, ich brauch ja den direkten Vergleich wenn ich abgenommen habe. Erst einmal ein schönes Bad nehmen und die Strapazen des Einkaufs verdauen. Das ich ein Verschwender bin kann man mir aber nicht vorwerfen, ich mach die Wanne immer nur zu einem Drittel voll, spätestens wenn ich darin sitze ist sie ganz voll. Zurück gelehnt sinniere ich über das Thema Erotik. Für Dicke ist es ein ganz spezielles Thema, denn wie will man im Bett die Stellen verstecken die keiner sehen darf? Ganzkörperabdeckung wäre eine Lösung, aber wie findet der Partner dann…. Okay, manche Dinge muss man nicht thematisieren. Ich habe es bisweilen immer versucht meinem Partner zu telepatieren das er das Licht ausmachen soll. Doch egal wie sehr man den Bauch einzieht, wie man versucht nur die Schokoladenseiten zu präsentieren, als Dicke im Bett, für mich ist es eine Odyssee der Peinlichkeiten. Mein Kopf macht zu, Genuss? Fehlanzeige. Es bedarf schon einem unbändigen Vertrauen wenn man sich als Moppelchen fallen lassen möchte.
Während ich so vor mich hin dachte schlich sich eine dumme, sehr dumme Idee in meinen Kopf. Ich wollte doch tatsächlich, ganz allein für mich einen kleinen Strip hinlegen. Also wuchtete ich meinen Astralkörper aus der Wanne, trocknete mich ab und zog mir das neu gekaufte Zeug an. Irgendwo fand ich dann auch noch die tolle CD von “You can leave your head on”. Es war so inspirierend, diese tolle Musik, das sexy Outfit und niemand der mich beobachtete. Ich wagte die ersten Hüftschwünge und wundersamerweise fühlte ich mich sogar toll. Lasziver Blick, erotisch durchs Haar gewuschelt und dann der erste Versuch in die Knie zu gehen. Bis zur Hälfte hab ichs geschafft, dann machte es erst knack und dann Plumps und ehe ich mich versah, saß ich auf meinem dicken Hintern und heulte wie ein kleines Kind. Aber ich geb doch nicht auf, nein ich doch nicht. Wütend hab ich die Klamotten in die Ecke geschmissen und mich spontan entschlossen Fitness zu machen. Ja Fitness, kaum zu glauben aber wahr. Ich saß also da auf meiner Couch und schrieb auf: 10 Liegestütze, 100 Kniebeugen und Hanteltraining. Also los, erst die Hanteln. Das ist kein Problem für mich, Kraft hab ich, nur es wird so verdammt schnell warm dabei. Aber ich schaffte die erste Hürde. Dann waren die Liegestützen dran. Nachdem ich es endlich, nach einer Viertelstunde geschafft hatte in die Ausgangsposition zu kommen und mich da zu halten, wagte ich den Versuch runter zu gehen. Fehler, böser Fehler, es krachte laut und ich war natürlich direkt mit der Plautze auf den Boden geknallt. Mich würde nicht wundern wenn der arme Mensch unter mir plötzlich Putz im Kaffee hatte. Also bewies ich mal wieder das ich fluchen kann.
Mit Sport sollte man es ja immer unterstützen, die Mühen des abnehmens. Ich hab viele Sportarten versucht, vom Walking übers Schwimmen bis zum Fitnessstudio. Das Walken war so eine Sache. Eigentlich ist es ganz witzig durch den Park zu laufen, die schicken Stöckchen zum Abstützen dabei, aber diese Blicke, das habe ich grade drei mal ertragen dann war Schluss. Die Leute glotzen und tuscheln, aber was wollen die eigentlich? Sitzt ein dicker Mensch auf der Bank und frisst, dann gucken sie und mokieren sich über die Disziplinlosigkeit. Läuft ein dicker Mensch durch den Park mit dem Gedanken nicht mehr dick sein zu wollen, gucken sie auch und finden es schlimm. Was denn jetzt? Das Schwimmen war genauso. Ich liebe es durchs Wasser zu gleiten, zu tauchen und mich endlich einmal leicht zu fühlen. Aber was soll man genießen wenn andauern irgendwelche Leute den Drang bekommen Green Peace wegen eines gestrandeten Wals zu alamieren? Meine Oma war völlig entgeistert als ich ihr sagte das ich schwimmen gehe. Sie sagte zu mir: Kind, das kannst Du nicht machen, den armen, anderen Leuten so einen Anblick zumuten, das ist Erregung eines öffentlichen Ärgernisses. Ja ja meine Oma, die hat mich wirklich lieb. Also vorbei mit Sport. Mein Sport bestand dann eben wieder aus “Extrem-zapping” und “Extrem-gefüllte-Teller-zum-Sofa-tragen”. Mein Vorsatz brodelte aber weiter in mir und ich war fester denn je davon überzeugt endlich den Kilos den Kampf anzusagen. An einem Tag hab ich in einer Boulevardzeitung etwas gelesen, was mir den Kamm anschwellen lies. Sie kennen sicher alle den Computertomographen, dieses verdammt enge Ding, was Fotos vom Innenleben machen kann. In jener besagten Zeitung wurde endlich einmal die Methode beschrieben, wie ein dicker Mensch von innen durchleuchtet wird. Man fliege oder fahre in die TIERKLINIK und lege sich in einen Tomographen für Pferde. Sie denken ich scherze? Sie irren sich. Dicke Menschen werden tatsächlich in ein Gerät für Pferde und Kühe gelegt. Schon während ich den Artikel gelesen habe sah ich mich im Geiste in diesem Rohr liegen, in Mitten von Pferdeäpfeln und Kuhfladen. Ist das paranoid oder verständlich das ich mich diskriminiert fühlte? Warum bauen findige Menschen die Geräte nicht so, dass auch Schwergewichte darin Platz haben? Mir ist es ein Rätsel. Ich glaube auch wirklich das die wenigsten dünnen Menschen wirklich nachvollziehen können, wie das Leben jenseits der Kleidergröße 40 ist. Es ist nicht einfach nur “fett” sein, es steckt viel mehr dahinter. Die Selbstzweifel auf der Straße zu sein, die Angst vor vernichtenden Blicken und die Tränen bei dummen Sprüchen. Ich weiß selbst das es meine Sache ist abzunehmen und das es auch meine Sache ist es zu schaffen, aber es ist schwer und wer das nicht glauben kann, dem ist nicht zu helfen. Es gibt Menschen die rauchen, die Drogen nehmen, die trinken usw, genauso gibt es auch Menschen die eine verfluchte Schwäche fürs essen haben und die eben nicht an der Bäckerei vorbei laufen können. Es ist ein wirklich harter Kampf gegen die Pfunde, aber wer ihn schafft, der hat etwas fürs Leben geschafft. Und ich schaffe ihn, trotz aller Rückschläge werde ich mein Gewicht minimieren.
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